Politik beginnt sich für Schwedt zu interessieren...

Steffen
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Re: Politik beginnt sich für Schwedt zu interessieren...

Beitrag von Steffen »

und noch mal näher.
Dieser Wachturm steht auf dem ehemaligen Gelände der Produktion ( Spezialaufbauten für NVA - Fahrzeuge ).
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Militärgefängnis Schwedt 024.jpg
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axel

Re: Politik beginnt sich für Schwedt zu interessieren...

Beitrag von axel »

was mich nachdenklich macht, dass hier keiner schreibt, dass er ungerechtfertigt verurteilt wurde.
zu meiner zeit waren ca. 7o msg in der ersten kompanie, davon mindestens die hälfte, bestraft für dinge, über die man heute nur lachen würde. richtig kriminell waren vielleicht 10 %. für 90 % hätte eine verurteilung niemals stattfinden dürfen. meine straftat lag z.b. darin, dass ich zu meinen mitsoldaten den satz sagte: offiziere der nva sind schmarotzer der gesellschaft.
15 monate schwedt, man hat natürlich noch paar andere sachen dazu gedichtet, aber so war es.
einer hatte ein gedicht gegen die bonzen in seinem spind gehabt, den man aufgebrochen hatte, als er zu spät aus nem urlaub kam. ein anderer wurde von einer eifersüchtigen freundin seiner freundin beschuldigt, diese vergewaltigt zu haben. sie hat ihre anzeige danach zurück genommen, vergebens. er hatte seine 2 jahre.
das mädchen hat ihn jeden monat besucht, reichlich zu essen mitgebracht....zigaretten. ok, wie die sache ausging weiss ich nicht, aber er hatte meines wissens ne doppelstrafe, gesoffen im zug zum haftantritt, zeit verpennt, zuschlag bekommen. nicht zur amme 79 frei gekommem. oh, ich könnte bücher voll schreiben.
mich würde noch interessieren, ob harald schon 80 da war und in welcher kompanie.
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Dresdner
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Re: Politik beginnt sich für Schwedt zu interessieren...

Beitrag von Dresdner »

ich würde sagen, Harald war ab 82 da....
und auch in der DE und nicht im MSG

dresdner
harald
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Re: Politik beginnt sich für Schwedt zu interessieren...

Beitrag von harald »

nicht ganz, ich war erst seit September 83 da, DE 5.Kompanie
84 oder 85 war ich für 2 oder 3 Monate im MSG-Bereich,
meistens 24-Stunden-Dienst in der Schleuse, Nachtdienst und Begleitung im
Produktionsbereich Pinnow

Harald
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kinski
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Re: Politik beginnt sich für Schwedt zu interessieren...

Beitrag von kinski »

Na ja, Axel, dass ist irgendwie eine Frage des Blickwinkels, ob ungerechtfertigt oder nicht.
Nach heutigen Standards wäre es bei vielen bei einer Bewährungsstrafe geblieben oder überhaupt nicht zum Prozess gekommen.
Wir sind ja nicht blöd, dass wir unsere Fehler nicht einsehen würden und als Ersttäter hat einem schon der ganze Rummel mit U-Haft, Militätstaatsanwalt, Rechtsanwalt und Umgang in der Einzelzelle gereicht. Lass dich mal mit 18 - 19 jahren in eine Einzelzelle sperren, wo du nicht weißt, wann du überhaupt wieder heraus kommst oder wie es weiter geht. Das alleine reicht schon. Aber die Normen waren damals anders. Hier gab es das volle Programm. Nicht nur, dass man von seiner Kompanie (war bei der Grenze) als Böser und Klassenfeind N°1 dargestellt worden ist, es wurde dann auch meist noch eine ganze Menge drum herum gedichtet, damit es richtig gefährlich aussieht.
Wie hieß es so schön; Wegen schwerer Schädigung des Ansehens der Grenztruppen der DDR. Toller Spruch, als ob die Grenztruppen ein unheimlich positives Image bei der Bevölkerung hatten. Man kam sich dann halt wie ein richtiger Schwerverbrecher vor und mit solchen war ich dann auch in der U-Haft zusammen.
Ja, ja, das prägt, aber durchaus nicht immer negativ.
Aber solche Sachen wie du schreibst, Axel, gab es auch zuhauf. 2 Jahre wegen Befehlsverweigerung, wegen menschlicher Fehler oder es wurde einfach ein Schuldiger gesucht. Damit hattest du die ganze Palette an Menschen dort. Extrem Gewalttätige und ganz schüchterne und verklemmte, die es eigentlich gar nicht verdient haben dort zu sein.
Glaube, das ist immer dieses Damoklesschwert was über den NVA Soldaten gekreist ist. Erwischen kann es jeden und du musst nicht einmal schuld sein.
[i]Alle Revolutionen haben bisher nur eines bewiesen, nämlich, daß sich vieles ändern läßt, bloß nicht die Menschen.
Karl Marx[/i]
Steffen
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Re: Politik beginnt sich für Schwedt zu interessieren...

Beitrag von Steffen »

Hallo kinski und axel,
wenn man das Forum von vorn bis hinten ( das wird langsam zu einem Studium mit etwa 2 Semestern ) durcharbeitet, werdet ihr Beiträge von mir finden, wo ich eurer Meinung bin.
Mit NVA - Angehörigen hat man in dieser Zeit sehr viel Präzedenzfälle geschaffen. Denn kein weiteres bewaffnetes Organ in der DDR hatte einen eigenen Strafvollzug. Damit hat man versucht, die militärische Disziplin und Ordnung aufrecht zu erhalten und unter den Militärangehörigen Angst und Schrecken zu verbreiten. Wenn du ehemalige Soldaten der NVA fragst, was " Schwedt " ist, geben dir alle eine Antwort, denn Schwedt war in der ganzen NVA bekannt.
Darum haben wir dieses Forum geschaffen, um den Mythos, der sich um " Schwedt " bewegt etwas aufzuhellen.
Und dabei sind eure Meinungen , Informationen und Hinweise sehr gefragt. Denn nur ihr, die diesen Mythos am eigenen Leib verspürt haben, können reale Sichtweiten vermitteln.
Auch brauchen wir die Soldaten, die vor den Gittern gestanden haben, denn diese mussten die Befehle und Weisungen der Armeeführung und des Staates durchsetzen.
Beide Komponenten ergeben ein klares Bild über den Militärstrafvollzug in der DDR.
Deshalb herzlich willkommen im Forum.

Gruß
Steffen
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Macky
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Re: Politik beginnt sich für Schwedt zu interessieren...

Beitrag von Macky »

@ Steffen

Auch wenn keiner wußte wo Schwedt liegt, so wußten alle die Postleitzahl.
[color=#FF0000]BU 1988- 1990; GG Führer; 2. FZ Führer[/color]
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comixs
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Re: Politik beginnt sich für Schwedt zu interessieren...

Beitrag von comixs »

also ich muss Axel recht geben, wer war den ungerechtfertigt in Schwedt ? ungerechtfertigt verurteilt?
doch wohl hauptsächlich die MSG -ler aus Barake 1 ( die politischen Gefangenen )
auch in den anderen Baraken gab es mit Sicherheit welche die ungerechtfertigt ein saßen, wegen Bagatell Delikten oder einfach ich nenn es mal "jugendlichem Übermut bei der Armee oder Leichtsinn" und dafür aber die ganze Härte des Gesetzes erfahren mussten.
aber es waren auch MSG in Schwedt die Kindesmissbrauch / Vergewaltigung etc. als Delikt hatten,
hier sollte mann klar unterscheiden was "ungerechtfertigt" ist!

und kinski seine Aussage zu kommentieren:
Lass dich mal mit 18 - 19 jahren in eine Einzelzelle sperren, wo du nicht weißt, wann du überhaupt wieder heraus kommst oder wie es weiter geht!
richtig kriminell waren vielleicht 10 %. für 90 % hätte eine verurteilung niemals stattfinden dürfen - absolut RICHTIG !!!

irgendwie werde ich das Gefühl hier nicht los, das wir in diesem Forum eigentlich auch die politischen Gefangenen als definitive Straftäter betrachten bzw. betrachtet werden und diese Entwicklung gibt mir zu denken.

Ich für meinen Teil denke, das alle MSG mit politischen Delikten da zu unrecht waren !!!
und jeder der eine Rehabilitierung beantragt hat, diese auch bewilligt wird / wurde.
Wer da anderer Meinung ist, ich stelle mich gern zur konstruktiven Kommunikation dann.

eine Frage des Blickwinkels - schreibt du klinski
mit Weitsicht zu sehen !
ohne die ehem. polit. Gefangenen oder polit. inhaftierten MSG-ler und anders denkenden Menschen,
wäre die Wende 1989 nicht gekommen, und wir hätten jetzt keine freie Meinungsäusserung im Grunggesetzt verankert, die auch gelebt werden kann.

Gruss comixs
Steffen
Beiträge: 507
Registriert: 09 Okt 2008, 14:05

Re: Politik beginnt sich für Schwedt zu interessieren...

Beitrag von Steffen »

@comixs
ich sehe es genau so wie du.
Leider kann ich aus meinen über 300 Beiträgen nicht die Passagen heraussuchen, wo ich mich mehrfach zur Rechtssprechung gegenüber Militärangehörigen der NVA geäußert habe.
Ich ich bin immer noch der Meinung, dass es wirkliche Straftäter unter den Militärangehörigen gab und diese auch gemäß dem StGB verurteilt werden und in Schwedt einsitzen mussten.
Aber im Gegensatz zu diesen, gab es Delikte, die in der Zeit der DDR im öffentlichen Leben anders beurteilt worden wären, wo Beschuldigte mit Geldstrafe oder Bewährung herausgegangen wären.
Warum wurden gerade Militärangehörige der NVA ,nach meiner Meinung nach, zu drastischen Strafen verurteilt, nur weil sie NVA - Angehörige waren ?
Lag es am Gesellschaftssystem ?
Lag es an der Rechtssprechung in der DDR ?
Warum wurde innerhalb der NVA ein Rechtssytem entwickelt, das sich mit dem Strafrecht innerhalb der DDR nicht vergleichen lässt ?
Beispiel Disziplinareinheit;
in den späten 60 er Jahren wurde die Arbeitserziehung, als Erziehungsmaßnahme und zu Disziplinierung der nicht auf dem soz. Weg wandelnden Bürger ( Arbeitsunwillige, Prostituierte, Spieler, Betrüger u.ä.,) in der DDR abgeschafft --> Erziehung durch Arbeit und Entziehung der Freiheit
Mit der Schaffung der DE wurde ein ähnliches Sytem geboren, um die militärische Disziplin und Ordnung in der NVA aufrecht zu erhalten --> Erziehung durch militärische Ausbildung und Entziehung der Freiheit für eine gewisse Zeit.
Ein Glück, dass sich das alles gewandelt hat und wir " nur " versuchen, diese Problematik ins rechte Licht zu rücken.

Gruß
Steffen
Steffen
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Registriert: 09 Okt 2008, 14:05

Re: Politik beginnt sich für Schwedt zu interessieren...

Beitrag von Steffen »

Hier noch mal eine Statistik aus der Zeitung " TREND " Nachfolger der " Volksarmee " die nach dem 09.11.1989 erschienen ist.
Leider kann man aus der Statistik nicht die politsch Bestraften erkennen, denn die fehlen einfach. Aber die klassischen Delikte sind erfasst.
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